15.05.2013
Familiärer Brustkrebs

„Ich kann Angelina Jolie verstehen"

Die Uniklinik Köln ist spezialisiert auf die Untersuchung von erblich bedingtem Brustkrebs. Interview mit Oberärztin Priv.-Doz. Dr. Kerstin Rhiem.

„Ich kann Angelina Jolie verstehen"

Die Universitätsklinik Köln ist spezialisiert auf Brustkrebs durch erbliche Vorbelastung. ksta.de sprach mit Oberärztin Kerstin Rhiem über vorsorgliche Amputation, die Mutation des Gens BRCA und die Gefahren für betroffene Männer.

Frau Dr. Rhiem, Angelina Jolie hat sich aus Angst, wie ihre Mutter an Brustkrebs zu erkranken, beide Brüste amputieren lassen. Ist das für Sie ein nachvollziehbarer Schritt?

Kerstin Rhiem: Durchaus. Viele Frauen, die zu uns in die Beratung kommen, geben eine ähnliche Motivation an. Sie wollen nicht dasselbe durchleiden müssen wie die Mutter. Aus dieser Sicht kann ich das schon verstehen. Mit diesem Eingriff sinkt ihr Brustkrebsrisiko immerhin auf unter drei Prozent. Das ist weniger als bei einer gesunden Frau ohne erbliche Vorbelastung.


Jolie schrieb in ihrem Beitrag in der „New York Times“ von einem Brustkrebsrisiko von 87 Prozent, aufgrund einer Mutation des Gens BRCA 1. Wie lässt sich das so präzise berechnen?

Rhiem: Es gibt humangenetische Rechenprogramme, denen Angaben aus dem Familienstammbaum zugrunde liegen. Das Brustkrebsrisiko bei Patienten mit einer Mutation in den Genen BRCA 1 und BRCA2 liegt normalerweise bei 60 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, an Eierstockkrebs zu erkranken, liegt bei 20 bis 40 Prozent. Das sind die Werte, mit denen wir arbeiten.


Was genau tun Sie, wenn eine Frau zu Ihnen kommt, weil sie befürchtet, aufgrund erblicher Vorbelastung an Brustkrebs zu erkranken?

Rhiem: Zunächst führen wir ein Beratungsgespräch. Sollte es in der Tat Hinweise auf eine Vorbelastung innerhalb der Familie geben, erstellen wir einen Stammbaum über drei Generationen. Erst wenn es dann in der Tat Auffälligkeiten gibt – wenn etwa mehrere Frauen in der Familie in einem eher jüngeren Alter Brustkrebs hatten oder an Brust- und Eierstockkrebs erkrankt sind – dann sprechen wir über die Möglichkeit eines Gentestes. Wenn uns diese Aufstellung aber zeigt, dass beispielsweise nur die Mutter mit über 60 Jahren an Brustkrebs erkrankt ist, ist ein Gentest nicht sinnvoll. In einem solchen Fall liegt in der Familie kein erbliches Risiko vor.

Sollte sich der Verdacht erhärten und der Gentest die befürchtete Mutation bescheinigen, raten Sie dann zur radikalen Operation?

Rhiem: Nein. Wir beraten grundsätzlich 'nicht-direktiv'. Das heißt, wir beraten unsere Patienten und versorgen sie mit allen Informationen, die sie haben müssen, um die für sich richtige und lebenslang tragfähige Entscheidung zu fällen. Neben der Amputation gibt es noch eine weitere Option: Die intensivierte Früherkennung. In diesem Fall bekommen die Frauen alle sechs Monate eine Ultraschall-Untersuchung und einmal jährlich eine Kernspintomographie. Bei Frauen ab 40 kommt dann noch die Mammographie dazu.

Man wartet also im Grunde darauf, dass die Patientin an Brustkrebs erkrankt?

Rhiem: Ja, aber wenn er dann auftritt, kann er in einem frühen, noch heilbaren Stadium erkannt werden. Das ist das Entscheidende. Doch natürlich muss sich die Patientin dann auf das einstellen, was auf sie zukommt. Bestrahlung und eventuell Chemotherapie. Nicht alle Frauen wollen das über sich ergehen lassen.


Nach welchen Kriterien entscheiden Patientinnen, welche Vorsorge sie wählen, intensivierte Früherkennung oder Amputation?

Rhiem: Das hat viel mit der Biographie zu tun. Vor allem jüngere Frauen wollen meist keine Amputation. Weil sie beispielsweise einen Kinderwunsch haben und Stillen wollen. Die Entscheidungen sind individuell wirklich ganz verschieden. Die meisten Frauen entscheiden sich für einen direkten Wiederaufbau der Brust nach der Entfernung.


Wie häufig lassen sich Frauen an der Uniklinik Köln die Brüste entfernen?

Rhiem: Zunächst möchte ich erwähnen, dass wir seit Gründung unserer Abteilung 1996 rund 3000 Beratungen gemacht haben. Im vergangenen Jahr hatten wir 30 Amputationen. Davon wiederum haben oder hatten die meisten Fälle bereits einen einseitigen Brustkrebs haben oder hatten. Sie haben sich also nur eine Brust aus Gründen der Vorsorge abnehmen lassen.


Wie gehen Ihre Patientinnen mit einem solch radikalen Eingriff um?

Rhiem: Wir führen vor einer solchen Entscheidung oft mehrere Beratungsgespräche durch. Wir bieten Gespräche mit unserer Psycho-Onkologin an. Und natürlich können sie sich auch mit dem Operateur über den Eingriff, die Risiken und den Wiederaufbau der Brüste unterhalten. Oft sind auch Ehepartner und Familienmitglieder dabei.


Wie genau funktioniert der Wiederaufbau?

Rhiem: Es gibt die Möglichkeit, Silikonkissen einzusetzen. Aber je nach körperlicher Konstitution der Patientin geht es auch mit Eigengewebe, das wir aus Po, Bauch, Hüfte oder Oberschenkelinnenseite entnehmen. In der Regel übernimmt die Kasse sämtliche Kosten.


Wir haben jetzt ausschließlich über Frauen gesprochen. Was passiert mit Männern, die ein defektes BRCA-Gen in sich tragen?

Rhiem: Auch sie haben ein erhöhtes Brustkrebsrisiko, das für BRCA2- Mutationsträgern bei circa sechs Prozent liegt. Hier bieten wir keine Früherkennung an. Aber sie haben zugleich eine größere Wahrscheinlichkeit, an Prostatakrebs zu erkranken. Auch diese Männer beraten und behandeln wir in unserem Zentrum.
 

Das Interview stammt aus der online-Ausgabe des Kölner Stadt-Anzeigers www.ksta.de. Das Gespräch führte Christian Parth.

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